Montag, 22. April 2013

Die Vergreisung der Veränderung

(nh) Am vergangen Samstag erschien in der Onlineausgabe der „Zeit“[1] ein interessanter Artikel über die steigende Macht und Omnipräsenz der Generation „Baby-Boomer“. Also jene Generation, die in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg bis in die späten 50er hinein geboren wurde. Der Artikel beschreibt, wie sich die demografischen Grenzen unserer heutigen Gesellschaft seit Jahren in eine „unumkehrbare“ Richtung entwickeln. Zum ersten Mal ist die Generation der „Alten“ den nachkommenden Generationen zahlenmäßig haushoch überlegen.


Jener Artikel soll hier nicht vollständig wiedergegeben werden, doch möchte ich ein paar weiterführende Gedanken dazu äußern, da sich einer intensiven Auseinandersetzung mit dieser Thematik eigentlich niemand entziehen sollte. Denn betroffen ist im Endeffekt jeder, vom Schüler bis zum Rentner. Eigentlich ist es offensichtlich, dass Deutschland (die EU, sowie die restliche Welt bilden dabei keine wesentliche Ausnahme) heute überwiegend von Menschen regiert und geführt wird, die deutlich älter als Fünfzig sind.

Als Verfasser dieses Textes, der sich noch knapp näher an den Zwanzig, als an den Dreißig bewegt, möchte ich von vornherein klarstellen, dass dies weder ein Angriff auf die Generation meiner Eltern und Großeltern werden soll, noch möchte ich „grundsätzliche“ Kritik am Alter sowie der Erfahrung von „Führungspersönlichkeiten“ äußern.

"Jahrgangstechnische Grenzgänger"
Es soll lediglich Gedankenspiel auf den Weg gebracht werden, in dem das momentan herrschende demografische Bild, sowie dessen Entwicklung einmal kritisch beleuchtet werden. Wer sich heute einmal mit offenen Augen durch die Wirtschafts- und Politiklandschaft bewegt wird bald feststellen, dass Menschen unter 35 Jahre so gut wie nie in gewichtigen "Erste-Klasse-Positionen" zu finden sind. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie beispielsweise den Gründer von Facebook Marc Zuckerberg (28). Die Jungspunde in der Politik sind heute Menschen, die beinahe noch meine Eltern sein könnten. Philipp Rösler (40) oder Familienministerin Kristina Schröder (35), deren Kompetenz hier nicht thematisiert werden soll, sind jahrgangstechnische Grenzgänger der deutschen Politik.

Die andere, jedoch weitaus größere Randgruppe, sind Personen wie der Italienische Präsident Giorgio Napolitano. Mit 87 Jahren bestreitet er nun erneut eine Legislaturperiode, da sich eine adäquate politische Konsensfindung in Italien momentan als unmöglich erweist.
Gehen wir kurz ein paar ausgewählte deutsche Top-Führungspositionen (Wirtschaft und Politik) durch:
  •        Martin Winterkorn / VW (65 Jahre)
  •          Dieter Zetsche / Daimler (59)
  •          Angela Merkel /Kanzlerin (58)
  •          Joachim Gauck / Präsident (73)
  •          Peer Steinbrück / Kanzlerkandidat (66)

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die administrative Elite in Deutschland bewegt sich überwiegend in den bereits angesprochenen Jahrgängen der 1950er Jahre.

„Up-to-date“ - Kompetenzen ausgelagert
Ich möchte damit nicht sagen, dass ich mir einen 19-jährigen Bundeskanzler oder einen Vorstand eines milliardenschweren Automobilkonzerns wünsche, der erst noch seinen Führerschein machen muss. Natürlich ist eine gewisse Lebenserfahrung für eine verantwortungsvolle Führung unumgänglich. Doch sollte man einmal versuchen, diese „Lebenserfahrung“ mit der exponentiell ansteigenden Innovationsdichte unserer heutigen Zeit (Computer, Internet, sonstige Hochtechnologien etc.) in Relation zu setzen.

Dies soll kein „Die Alten haben doch keinen Plan von Technik“ - Artikel werden. Doch muss man sich bei genauerem Hinsehen eingestehen, dass eine Technik wie das Internet und der Computer für meine Generation eine so fundamentale Selbstverständlichkeit ist, weil eben meine Generation eine der ersten „digital natives“ war, die von Anfang an mit diesen Medien konfrontiert wurde. Menschen wie Peer Steinbrück oder Angela Merkel, die ihr halbes Arbeitsleben ohne eine solche „Technik“ verbracht haben, besitzen in diesen Punkten einen „natürlichen“, aber keinesfalls offiziell angreifbaren Schwachpunkt.

Ich unterstelle hier nicht, dass beispielsweise Herr Steinbrück nicht weiß, wie er seinen Laptop oder gar sein iPad zu bedienen hat. Jedoch stehen die Chancen relativ hoch, dass diese Dinge von einem „Web-2.0 Zivi“ übernommen werden. Heute wird in Deutschland Netzpolitik und Vorratsdatenspeicherung von Personen diskutiert, die unter Umständen nicht einmal wissen wie sie ihren Computer anschalten. „Das musste ich noch nie tun, das haben meine Angestellten für mich gemacht, in meinem Alter ist das nicht mehr wichtig,…“

Generation Erfolg – Die „Baby-Boomer-Generation“
Bild: Barbara Henniger (1987)
Diese Polemik soll etwas verdeutlichen, denn auch abseits der Technik gibt es Bereiche, die seit den 70er oder 80er Jahren eben nicht „stehen geblieben“ sind. Die internationale Finanzpolitik ändert sich im Stundentakt, Millionengeschäfte an Aktienmärkten werden heute in Sekundenbruchteilen per Glasfaserkabel abgewickelt. Die Generation der Baby-Boomer ist im Durchschnitt in den 50er Jahren geboren, in den 60er Jahren zur Schule/Universität gegangen und dann in den 70ern in die Arbeitswelt eingestiegen (grob überschlagen). Bis auf ein paar „kleine Ausrutscher wie die Ölkrisen `73 und `79, die aus heutiger Sicht eigentlich nur belächelt werden können, wuchs eine der zahlenmäßig stärksten Generationen in einem wirtschaftlichen und politischen System heran, welches nur eines kannte: WACHSTUM, FORTSCHRITT, HÖHER - SCHNELLER - WEITER.

Wenn man diese Tatsache berücksichtig und sie auf die Probleme der heutigen Zeit umwälzt, so ist dies zwar absolut keine Entschuldigung für Fehlverhalten oder Arroganz, doch sollte man auch bedenken, dass eine Person, die ihr komplettes Leben in einem ständig expandierenden System verbracht hat, nun mit Problemen konfrontiert ist, welche für sie teilweise nicht erklärbar und eventuell sogar absurd erscheinen: Das Wachstum stagniert und geht sogar zurück, Finanzblasen platzen und müssen durch noch größere abgefangen werden et cetera. 

Demografischer Abgrund?
Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 fast verdreifacht! Die letzte Verdreifachung dauerte davor über 200 Jahre![4] Wir stehen heute national sowie global vor Problemen, die sich in einem so noch nie dagewesenen Tempo verändern, und werden von einer Generation geführt, die es sich, ob gewollt oder ungewollt, als eine der stärksten ihrer Art „gemütlich“ gemacht hat. Aus dem einfach Grund weil sie es war, die sich aus einem Jahrzehnte andauernden Zeitraum heraus eine Versorgungs- und Vorsorgesituation geschaffen hat, welche einmalig ist.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2004
Ich plädiere keineswegs dafür, eine Zwangsrente mit 49 für Politiker oder Spitzen-Manager einzuführen, aber anstatt jahrelang über eine Frauenquote zu diskutieren, die im Endeffekt keinen nachweisbaren Erfolg verspricht, (was nicht heißen soll, dass ich mich gegen mehr Frauen in Führungspositionen ausspreche, nur sollte meiner Meinung nach zuerst die Kompetenz und danach die Lage der Geschlechtsteile eine Rolle spielen) wäre es vielleicht sinnvoller sich über eine Altersquote zu unterhalten. Utopisch - In Anbetracht der demografischen Entwicklung in Deutschland. Führungskräfte werden in Zukunft wahrscheinlich eher noch älter sein.

Wie es gehen kann, zeigt die Klasse der leitenden Geschäftsführer in Deutschland. Hier lag das Durchschnittsalter in Deutschland im Jahr 2011 bei ca. 51 Jahren in. [2] Tendenzen zeigen, dass sich diese Zahl mittelfristig trotz des demografischen Wandels noch verringern könnte. Das "letzte Wort" bleibt dennoch meist einer Generation  vorbehalten, welche sich ständig den Vorwurf der Bezuglosigkeit gefallen lassen muss. Ich möchte weder die Kompetenzen, noch die Qualifikationen oder Erfahrungswerte dieser Generationen attackieren, jedoch liegt mir was daran, dass eben jene Generation die momentan „am Drücker“ sitzt, sich ihrer Selbst und ihrer demografischen Besonderheit bewusst wird. Eine nachhaltige Welt kann nur funktionieren, wenn jede Generation die Verantwortung für die Nachkommenden übernimmt.

Ein Zug kann auch nur dort fahren, wo Schienen gelegt wurden.
           

     [1] Zeit-OnlineArtikel 
       [2] buergel.de (Punkt 7) 

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