Dienstag, 16. Oktober 2012

Ein Friedenspreis und seine Widersprüche

Liebe Leserinnen und Leser
Liebe Nobelpreisträger- und Trägerinnen,

(ph) Ich war vor kurzem schon sehr erstaunt, als mich noch vor dem Mittag die Nachricht erreichte, einen Nobelpreis zu erhalten. Zwar muss ich mir diesen mit mehr als 500 Millionen anderen Menschen teilen, aber mal ehrlich – man ist doch schon irgendwie stolz, oder? Friedensnobelpreis für unsere EU? Das klingt ja auf Anhieb so, als wären wir in Europa die zivilisierteste und fortgeschrittenste Völkervereinigung aller Zeiten. So, als sei die Europäische Union das „Projekt Frieden“ schlechthin – und wir alle dabei ihre Engel.
Märchenrepublik untersuchte für Sie, ob dieser Preis in seiner Form so gerechtfertigt ist und kam dabei zu dem Ergebnis, dass sich das Nobelpreiskomitee in Oslo nach den Auszeichnungen für Gore und Obama erneut bis auf die Knochen blamierte. Aber der Reihe nach:

Dieser Preis gilt natürlich der EU - verdient müssten ihn sich demzufolge auch seine Mitgliedsstaaten haben, darunter vor allem Leitstaaten wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland - um nur mal 3 Zugpferde zu nennen. Zur Realität: Die Briten ziehen mit ihrem "Big Brother" seit Jahrzehnten von Krieg zu Krieg und Frankreich bombardiert mittels NATO-Beschlüssen seit Gedenken in unzähligen Krisengebieten willkürlich umher. Deutschland reiht sich als drittgrößter Waffenexporteur der Welt diesbzgl. glänzend ein. Diesen Führungsländern unter Deckmantel der Union nun einen Friedenspreis zu geben, weil sie ihre Kriegsschauplätze- und vor allem Erträge(!) nach außen bzw. an Dritte verlagert haben, ist Realsatire. 
Betrachtet man z.B. nur einige militärische Konflikte der letzten 60 Jahre, entsteht ein völlig verzehrtes Bild, was die "Friedenspolitik" vieler EU-Mitglieder betrifft:

Schon während der Ausarbeitung der Pariser-Verträge zur EGKS-Gründung wirkten Belgien, Luxemburg und Frankreich im Korea-Krieg mit.

Weniger Jahre später sorgten Frankreich und Großbritannien in Ägypten für Unruhe, weil jemand versuchte ihnen das Öl abzudrehen.

1967 bekämpften sich jene beiden Staaten während des Biafra-Konflikts indirekt selbst, indem die verfeindeten Konfliktträger Nigeria und Biafra jeweils mit Waffen belieferte wurden.

Ca. 20 Jahre später belieferten beide Staaten dann wieder die selben Parteien, darunter auch Al-Quaida, mit Waffen, um den Sowjets im ersten Afghanistan-Krieg „ein’s auszuwischen“.

Gegen Ende des Vietnam-Kriegs kämpften Spanische Truppen an der Seite der USA gegen den Vietkong und die Kommunisten – wenige Jahre später wurde Spanien Mitglied der EU.

1982 legten sich die Briten mit den Argentiniern an, um ihre Inselgruppe am anderen Ende des Ozeans zu „verteidigen“. 1990 zogen sie zusammen mit den USA in den 2. Golfkrieg. 2003 anschließend in den dritten und zwischendurch attackierte man Afghanistan.


Erst wirklich erschreckend wird diese (Kurz-)Analyse, wenn man bedenkt, dass sie nach 45 Minuten Wikipedia-Stöberei entstand. Wie Viele aktive Kriegshandlungen von Mitgliedern der EU in den letzten 60 Jahren wirklich ausgingen, lässt sich wahrscheinlich in keiner Weise offiziell belegen. Natürlich wird jedes Komitee-Mitglied die Vergabe des Preises trotz der genannten Fakten mit der ursprünglichen Intentionen, dem Frieden innerhalb Europas, rechtfertigen. Und was diesen Punkt angeht, mag man bis hier hin sogar noch streiten können. In Anbetracht der angesprochenen Ertragslage fällt jedoch ein noch wesentlich größerer Schatten auf unsere Europäische Friedens-Union.

Man schießt Europäisch.

So hat sich z.B. Deutschland auf den ersten Blick in den letzten 60 Jahren ziemlich zurückgehalten – aber nur auf den ersten Blick. 
Mehr als jede zehnte Waffe (dazu gehören sämtliche militärisch eingesetzten Erzeugnisse) die weltweit verkauft wird, kommt mittlerweile aus der BRD. Die Hälfte des U-Boot Reservoirs der 36 Staaten, die keine atomaren U-Boote führen, kommt aus Deutschland. Dabei ist es auch nicht so, dass wir unsere Exporte möglichst weit weg schiffen, im Gegenteil. 2010 hieß unser größter Abnehmer Türkei – EU-Beitrittskandidat. Platz 2 – noch skurriler, Griechenland.  Das ohnehin schon angeschlagenste EU-Mitglied treibt man durch die Aufrechterhaltung eines U-Boot-Programms noch tiefer in die Verschuldung,  bezahlt ergo im selben Atemzug indirekt die Dinge, die man selbst verkauft.

Die Spitze des Eisberges – beide Hauptabnehmer Deutscher Rüstungsexporte, Türkei und Griechenland, befinden sich seit Jahrzehnten in einem geopolitischen Konflikt um Zypern. „Wir“ verdienen also an einem inner-europäischen Konflikt, wenn das nicht nobelpreiswürdig ist. Frankreich, Großbritannien und selbst Italien stehen der BRD, was Rüstungsexport-Wachstum angeht, um nichts nach. Der Umsatz konnte in den letzten Jahren stetig gesteigert werden – trotz Weltwirtschaftskrise. So kommt heute ca. jede vierte Waffe, die global produziert und veräußert wird – aus der Europäischen Union.


Aber sicher konnte die Osloer Satire-Gang auch darüber hinwegsehen, z.B. mit einem kleinen Verweis auf Globalisierung, Politik oder ähnlichem.  Vielleicht ist Märchenrepublik manchmal auch einfach zu kritisch, und übersieht (hier am Beispiel) den unglaublichen Erfolg unserer Europäischen Wertegemeinschaft, an dem natürlich auch geschmierte Politiker, die Zusammenführung völlig heterogener Wirtschaftssysteme durch den Euro und ein völlig aus den Fugen geratenes Finanzsystem ihren Verdienst haben – Frieden in Europa.

Ok zugegeben, dieses Bild zeigt vielleicht eine leicht veränderte Realität. Aber es ist auch nur eines, welches die objektiv zynische Anschauung des Autors veranschaulicht. Sehen wir doch einfach über alles Offensichtliche hinweg und freuen uns darüber, auf was für einem moralisch intakten und friedlichem Kontinent wir leben.

Somit allen nochmals Herzlichen Glückwunsch zum Friedensnobelpreis. 
Wir haben ihn uns verdient!

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